Meditation in der Haft

Erfahrungsbericht über die Arbeit mit Gefangenen
in der JVA Brandenburg.

von Thilo Engel
Von der Idee Christians Arbeit ins Gefängnis zu bringen, zur bis zum ersten Treffen mit Gefangenen der JVA Brandenburg vergingen fast zweieinhalb Jahre. Die meiste Zeit verbrachte ich damit eine JVA zu finden, die sich für unsere Arbeit interessierte. Als wir dann in der Sozialtherapeutischen Abteilung der JVA Brandenburg unser Projekt vorstellen konnten, gab der Anstaltsleiter Herr Wachter sein o.k. zur Durchführung des Projektes. Das war ein Riesenerfolg für uns – obwohl uns keine finanzielle Unterstützung in Aussicht gestellt wurde – waren wir sehr zufrieden und glücklich über das Ergebnis. Wir bekamen die einmalige Gelegenheit Christians Arbeit und die Liebe hinter Gitter zu bringen.

In Gedanken hatte ich schon meine schlimmsten Befürchtungen, wie es mir mit den Gefangen im Knast ergehen könnte, durchgespielt. So wie man es halt aus dem Kino kennt. Sträflingskleidung, Handschellen, Fußfesseln und jeder Mann eine Nummer. Und wie ist das mit der Hierarchie in der Gruppe, gibt es einen der da der Chef ist, der da das Sagen hat? Einen der uns durchfallen lässt wenn es ihm beliebt?

Und dann kam der erste Tag. Als die Gefängnistüren hinter uns zuknallten zuckte ich zusammen mit dem Gedanken: Hoffentlich komm ich hier wieder raus. Überall nur Stacheldraht, hohe Mauern und Gitter, so wie man es vielleicht auch aus Filmen kennt. Doch das war jetzt kein Kino, das war echt und mein Herz schlug schneller weil ich nicht wusste worauf ich mich wirklich eingelassen hatte.
Ein Beamter führte uns in einen Besprechungsraum in dem wir auf die Gefangenen warten sollten.
Nach und nach trafen sie dann auch ein. In normaler alltäglicher Kleidung, ohne Ketten oder Handschellen, vorsichtig und freundlich lächelnd, mit Berührungsängsten auf beiden Seiten.
Wir stellten uns einander vor und erzählten was es mit dem Projekt Innere Freiheit finden auf sich hat und dann ging es los.

Augen schließen, Körper wahrnehmen, einfach sein mit allem was auftaucht.
Mit geschlossenen Augen da zu sitzen war schon für einige Männer eine Herausforderung und es gab noch viel Unruhe im Raum. Im ersten Jahr fuhren wir einmal pro Woche in die JVA, und langsam reduzierte sich die Gruppe der Gefangenen von acht auf drei Männer.

Und so arbeiteten wir über ein halbes Jahr lang nur mit drei Männern einmal pro Woche. Das war für mich auch manchmal frustrierend wenn die Idee aufkam, die verstehen mich nicht, die verstehen die Arbeit nicht. Und dennoch blieb ich dabei. Die Idee war gut, die Arbeit war gut und trotzdem kamen nur so wenig Männer. Erst zum Ende des ersten Jahres veränderte sich die Situation, es kamen zwei, drei neue Männer dazu. Wir waren für die Männer zu einem verlässlichen Teil des Gefängnisalltags geworden. Wir hörten zu, wir wollten nichts bestimmtes hören. Sie durften da sein mit dem was gerade da war. Das war zum Teil auch verwirrend für die Männer. Gefühle fühlen die gerade da sind und nichts damit machen, einfach nur fühlen. Annehmen mit allem wie es war auch wenn es schlimm war hat sehr viel Aufruhr in die Runde gebracht und bringt es noch immer, weil dann an den tiefsten versteckten Wunden gerührt wird und der Schmerz dann nicht mehr weggehalten werden kann.

Nach gut einem Jahr verabschiedete sich Rainer vom Projekt da uns keine Finanziellen Mittel in Aussicht gestellt wurden. Nine, die uns in der Arbeit mit unterstützt hatte wollte das Projekt mit mir gemeinsam weiterführen auch wenn wir jetzt nur noch einmal im Monat in JVA fahren konnten um unsere Kosten so gering wie möglich zu halten.

Zur Zeit kommen neun Männer zu unseren monatlichen Gruppentreffen und es braucht jedes mal immer etwas Zeit damit sich die Männer in die Situation hineinfinden, wahrnehmen und fühlen können. Zweimal im Jahr gibt es ein Intensivwochenende mit den Männern darauf können sie sich gut einlassen und werden zunehmend weicher, ruhiger und gelassener. Inzwischen bekommen sie auch mit, das viele Dramen im Kopf entstehen und es hilfreicher ist, der Frage "Was fühle ich jetzt?" nachzugehen als das Drama weiterzuspinnen.
Es macht mir immer noch große Freude mit den Männern zu arbeiten und sie auf ihrer Reise in die Freiheit zu begleiten. Auch die neu hinzugekommenen Männer konnten sich gut in die Gruppe einfügen und auf die Arbeit einlassen.

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