Meditation in der Haft

Mein doppeltes Gefängnis

Mein doppeltes Gefängnis –
gibt es einen Weg für mich aus der inneren Unfreiheit?
Heute kann ich diese Frage mit einem klaren JA beantworten.
Aber alles der Reihe nach.Als ich 2011 die Möglichkeit erhielt aus dem Regelvollzug der JVA Brandenburg in die Sozialtherapeutische Abteilung (SothA) zu wechseln, hatte ich bereits mehr als 20 Jahre Haft absolviert. Diese Jahre waren gekennzeichnet anfangs von Resignation, Selbstaufgabe, später von ersten Schritten der Selbstfindung und dem Beginn der Aufarbeitung meiner schlimmen Vergangenheit. Jedoch nur kopflastig, „rational“. Gefühle zulassen, zeigen oder erleben galt immer noch als Schwäche. Wut, Angst, Verzweiflung wurden bestenfalls mit exzessivem Sport „verarbeitet“ oder wieder verdrängt.

Schließlich reagierte mein Körper mit Kreislaufproblemen und Hyperventilation auf die angestauten und nicht wahrgenommenen Gefühle. Dabei spielten existentielle Ängste (vor dem Verlassen werden, vor dem Tod, vor dem Leben und auch vor den eigenen Gefühlen) eine überdimensionale Rolle. Das ist mir aus heutiger Sicht klar, aber damals habe ich nur nach rationalen Erklärungen gesucht und sie nicht wirklich gefunden.In der SothA begann dann für mich ein völlig neuer Abschnitt, zum einen der therapeutischen Aufarbeitung meines Lebens, einschließlich der furchtbaren Ereignisse, für die ich im Gefängnis bin. Dabei lernte ich als erstes die Verantwortung dafür zu übernehmen und mich auf die uneingeschränkte Bearbeitung einzulassen. Doch ist spürte bald, das ist noch nicht alles.Eines Tages lud mich ein Mitklient ein, mit zur Meditationsgruppe zu gehen. Ehrlich, ich hatte keinen „blassen Schimmer“ was Meditation ist und was mich dabei erwartet. Und ich war Anfangs auch sehr skeptisch. Aber ich ging mit, zur Not konnte ich ja wieder gehen, wenn es nichts bringt. Doch dann begann für mich eine „Reise“, die ich mit Worten nicht beschreiben kann.Was mich sofort beeindruckt und eingenommen hat, war die Herzlichkeit und Wärme, die von unseren Trainern Nine und Thilo ausgestrahlt wurde und wird und die in der Gruppe spürbar war und ist. Schon in der ersten Sitzung öffneten sich bei mir Gefühlsschleusen. Das war unglaublich und nicht erklärbar. Ich war „randvoll“ mit Trauer, Schmerz und Selbstvorwürfen. Bis dahin begegnete ich meiner Umwelt mit einer „Einheitsmine“. Und plötzlich brach so viel aus mir heraus, was ich nicht mehr aufhalten konnte. Und auch gar nicht mehr wollte, egal was andere sagen. Von einer tiefen Erfahrung konnte ich noch nicht sprechen, ich hatte ja auch keine Ahnung, was noch kommen sollte. Die ersten Gefühle waren noch recht „oberflächlich“, doch trafen sie mich schon tief ins Herz. Ein Gefühl der Erleichterung, schon dafür war ich sehr dankbar. Ich fühlte mich angenommen und irgendwie auch angekommen. Keiner lästerte oder warf mir verstohlene Blicke zu. Im Gegenteil, ich sah auch bei anderen Tränen und ich spürte, dass ich in diesem geschützten Umfeld viel, viel mehr zulassen konnte.Viele Monate folgten, in denen ich erleben durfte, wie sich Gefühle fühlen lassen, was loslassen heißt und was loslassen bewirkt. Ich kann das heute so sagen, dass mit jeder Sitzung, mit jeder Übung sich neue Erfahrungen einstellten. Die Vergangenheit anzunehmen als unveränderbar (ohne Spekulation wie z.B. – „Was wäre, wenn das oder das anders gewesen wäre?“), Phantasien über die Zukunft zu beenden, Schmerz und Trauer wird gefühlt und erlebt, Bäche von Tränen konnte ich weinen, um festzustellen oder besser gesagt zu erfahren, das das genauso zum Leben gehört, wie Freude oder Glück. Ich habe nach und nach aufgehört, so wie es das Enneagramm beschreibt, Anerkennung oder Zuwendung „hinterherzujagen“. Je weniger mein „Streben“ und „wollen“ präsent ist, umso stiller wird es in mir.

Nun muss ich dazu auch noch sagen, dass die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und ein gewisser Blick für die Zukunft im Rahmen der Therapie unabdingbar war und ist. Zusammenhänge zu erkennen und anzunehmen, praktische Gedanken zur Lebensgestaltung zu zulassen und Wege dahin zu erlernen gehört für mich zusammen mit der spirituellen Arbeit. Beides zusammen bedeutet die „Veränderung“ zu bewirken.Wenn ich einige wichtige Momente und Erfahrungen nennen soll, so möchte ich Folgendes beschreiben, was mir auf dem Weg wichtig war und ist:
· die Arbeit mit dem Enneagramm; das Erforschen meiner Fixierung und Lebensmusters ist immer wieder spannend und erkenntnisreich; nur wenn ich sie kenne und verstehe, kann ich sie auch anhalten
· der Kontakt und die „Aussöhnung mit dem inneren Kind“. Mit wie viel Schmerz, Trauer und Leid habe ich ihn alleingelassen, verständlich, dass er nicht besonders gut auf mich zu sprechen war. Es hat lange gedauert, bis ich ihm zeigen konnte, dass wir wieder zusammengehören. Unsere Dialoge waren oft schwierig, doch seine Gefühle zu fühlen half mit auch, die Gefühle anderer nachzuempfinden. Ich habe sehr viel von meinem kleinen Bruder gelernt und lerne heute noch von ihm.
· die Arbeit mit dem Buch von Christian Meyer „Aufwachen im 21. Jahrhundert“ und mit den CD´s von Christian Meyer sind mir Leitfaden geworden. Vor allem die 7 Schritte zum Aufwachen geben mir Orientierung.
· Und natürlich die Arbeit in unserer Gruppe unter der liebe- und verständnisvollen Anleitung unserer Trainer Nine und Thilo. Ganz, ganz wichtig ist es für mich, mich auf die Übungen einlassen zu können. Immer wieder spürte ich, dass ich in diesem geschützten und liebevollen Raum tiefe Erfahrungen erleben darf. Von mal zu mal konnte ich mehr loslassen. Mein Körper wurde durchlässiger und mein Herz immer weicher und weiter. Dabei war der Weg nicht leicht – Überwindung traumatischer Erlebnisse, heftige Todesängste, existenzielle Ängste, Trauerarbeit nach dem Tod meiner Mutter u.a. all das konnte ich mit Hilfe der Trainer „bearbeiten“, so dass die damit verbundenen Gefühle ihre Macht verloren haben und sich sehr veränderten. Meine Erfahrungen wurden und werden immer tiefer.

Eines Abends in einer Gruppenstunde erlebte ich etwas sehr Besonderes. Nine begleitete mich auf einer Innenreise und ich konnte mich mehr als sonst darauf einlassen, jedes Gefühl war mir willkommen, alle Gedanken konnte ich loslassen und ich fiel tiefer und tiefer bis ich schließlich in einem großen leeren Raum anlangte in diesem schwebte ich; ich fühlte Leere, Frieden und Stille und ich spürte Liebe. Eine riesige Liebe, die mich anfangs etwas ängstigte, aber die Angst verbrannte in ihr, und ich hatte das Gefühl, dass ich vollständig aufging in dieser unendlichen Liebe. Und ich spürte immer noch einen Sog und eine große Sehnsucht. Ich konnte es mir nicht erklären und wollte auch keine Erklärung. Ich war voller Liebe, Freude und sehr glücklich. Als ich meine Augen öffnete, hatte ich den Eindruck, dass ich mich selbst beobachtete und alle anderen im Raum strahlten. Nine sagte, dass ist die Liebe, die in jedem wohnt, das was wir wirklich sind. Für mich bekam mit dieser Erfahrung Liebe eine völlig neue Dimension – nicht personenbezogenes und „forderndes“ mehr, sondern allumfassend. Damit eröffnete sich mir auch ein neuer Blickwinkel auf die Welt.

Seit dieser Erfahrung hat sich mein Leben verändert (oder vielleicht auch schon eher?). Natürlich gibt es immer mal wieder Momente, in denen Gedanken kreise, in denen meine Fixierung greift. Aber diese dann anzuhalten fällt mir leichter. Was bleibt ist ein tiefer Friede. Ich erfahre immer mehr, was es heißt einfach zu werden, loszulassen, nichts zu tun (trotzdem aktiv zu bleiben). Alles darf so sein wie es ist.

Wie sieht mein Leben jetzt aus? Der Umgang mit den Umständen meines derzeitigen Lebens aus den Erfahrungen der Stille lässt auch viele Ärgernisse und Handicaps in einem anderen Licht erscheinen, und sie auch anders lösen. Na klar, bin ich manchmal immer noch verärgert, aber der Ärger wird gefühlt und verbrennt in der Erfahrung, ohne dass er mein Handeln dominiert. Trotzdem ist es möglich und manchmal auch notwendig Grenzen zu ziehen und aufzuzeigen, in der Stille die richtigen Schritte zu finden und aus der inneren Haltung der Liebe zu handeln. So konnte ich auch mit Gefühlen umgehen, die während meiner therapeutischen Behandlung auftauchten und gefühlt werden mussten.Das Gefühl taucht auf, ich fühle es und es versinkt in der Erfahrung. Ist doch schön, oder? Wunderschön, manchmal auch schmerzhaft.Ich habe aufgehört nach rationalen Erklärungen zu suchen, denn was „zählt“ ist die innere Erfahrung. Etwas in mir sagt mir, dass das der Weg zu der inneren Freiheit ist. Alles ist so wie es ist, ich nehme es so an wie es ist. Was war kann ich nicht ändern, was sein wird weiß ich nicht. Das Hier und Jetzt ist lebenswert und schön. Was bleibt ist die Sehnsucht noch tiefer in die unendliche Liebe zu fallen, darin aufzugehen, nach Glückseligkeit (von der ich auch schon Momente erleben durfte) und dem Aufwachen.Und was meine Todesängste angeht (von denen ich ja schon gesprochen habe), so ist mir klargeworden, das mein Leben irgendwann zu Ende sein wird. Wenn es dann so weit ist, dann ist der Tod mir willkommen. Er hat für mich seinen Schrecken verloren. Ich weiß, ich sterbe als innerlich freier Mann.

An dieser Stelle hoffe ich, dass ich auch verständliche Worte für diejenigen, die die Meditation nicht kennen, gefunden habe, um das zu beschreiben, was ich zur Zeit erlebe und erfahre. Es ist so schwierig Gefühle und Erfahrungen zu beschreiben.

Und nun möchte ich noch meine tiefe Dankbarkeit für diese 3 bewundernswerten Jahre zum Ausdruck bringen:
· Danken möchte ich vor allem den Verantwortlichen in der SothA, die mir diese Zeit ermöglicht haben.
· Dem Verein Bewusst-Sein e.V.
· Christian Meyer („unbekannter Weise“ und doch so vertraut durch seine Lehre und sein Wort)
· und vor allem unseren beiden Trainern Nine und Thilo für ihre liebevolle und herzliche Begleitung und Anleitung.

Es ist für mich eine große Gnade und ein unbeschreibliches Geschenk, dass ich diese Erfahrungen machen darf. Demütig und voller Freude nehme ich es an.

Brandenburg a. d. Havel, 25.03.2015
„Rocky“ (57 Jahre)
x
Diese Seite benutzt Cookies für gestalterische Zwecke. Weitere Infos click hier